Verdrängungskampf im Hotelgewerbe Großer

12. Juni 2017

Großer Gewinner wird der Kunde sein

„Immer mehr Hotels in München, aber nicht genügend Gäste“ berichtete die Süddeutsche Zeitung am 23. April. 417 Hotelbetriebe konkurrieren bereits gegeneinander, es wird weiter gebaut und gebaut. „Das Bettenwachstum ist zu extrem," wird Conrad Mayer vom Hotel- und Gaststättenverband zitiert: In den Wochen, in denen wenige Gäste in der Stadt sind, unterbieten sich die Häuser. Doppelzimmer, die sonst 190 Euro kosten, sind plötzlich für 80 Euro zu haben, Zimmer, die sonst 80 Euro kosten, für weniger als 60 Euro. In den Osterferien etwa, als keine Geschäftsleute am Flughafen landeten und Läden an Feiertagen geschlossen blieben, seien "die Täler sehr tief gewesen."

2016, ausgerechnet in einem Jahr, in dem die Zahl der Touristen stagniert hat, wurden in München statt der sonst durchschnittlichen 2400 neuen Betten 3500 gebaut. Fünf Prozent mehr Gäste müssten also bereits 2017 kommen, um allein den Status Quo der Wettbewerbssituation zu halten. Das Wachstum bei den Hotelbetten geht aber weiter. Sogar im noblen Bayerischen Hof sei man besorgt, weiß die SZ.

In Schleißheim ist man möglicherweise noch besorgter. Besonders bei der Allianz der vier Inhaber-geführten Hotels läuten die Alarmglocken:

Um 184 Betten wird dieses Jahr das Infinity Unterschleißheim seine Kapazität erweitern. Außerdem kommt ein neues Boardinghaus: 317 Wohneinheiten mit 729 Betten.

Die Pressestelle der Kreisverwaltung München stellte auf Anfrage eine Liste zusammen, aus der hervorgeht, dass in Unterschleißheim außerdem zwei kleinere Boardinghäuser mit zusammen ca. 35 Zimmern und eine Pension mit 26 Betten geplant sind.

Weitere Informationen aus dieser Liste:

In Unterföhring ist ein Boardinghaus mit rund 850 Betten geplant, nachdem dort im letzten Jahr bereits zwei neue Hotels eröffnet haben. In Ismaning sollen in einem Appartementhaus etwa 30 Betten entstehen, dazu in mehreren Baumaßnahmen weitere rund 80 Betten. In Aschheim geht es richtig zur Sache: 2019 soll dort ein Hotel mit 160 Betten eröffnen – nach Recherchen im Internet handelt es sich um ein Novum Apparthotel. Dazu kommen ein Boardinghotel mit 83 Betten und ein „Beherbergungsbetrieb“ mit 52 Betten. Geplant ist außerdem ein Boardinghaus mit rund 500 Betten.

Soweit die Liste der Kreisverwaltung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

In der Nachbarschaft sieht es ähnlich aus: In Schwabing soll Ende 2017 ein Hotel mit 13 Stockwerken und 434 Zimmern eröffnen, außerdem in Schwabing Nord ein neues Steigenberger mit nochmal 292 Zimmern.

In Hallbergmoos wird 2017 ein Hilton Garden Inn mit 155 Zimmern eröffnen, in Dachau ein Ruby Lilly mit 174 Zimmern.

In Garching eröffnet dieses Jahr ein Marriot mit 253 Zimmern, einem Kongresszentrum und einem Boardinghaus mit 117 Appartments.

In Neufahrn soll es ein 200 Zimmer-Hotel plus Boardinghaus werden, hier hätten die Investoren allerdings gern erst noch die Zusage, dass eine S-Bahnstation kommt.

In Marzling ist bereits in Hotelneubau im Gang, in Eching ist ein Budget-Hotel geplant. Am Airport soll 2019 ein 160 Zimmer-prizeotel eröffnen.

In Oberschleißheim wurde jüngst die Genehmigung zur Umwidmung eines Bürogebäudes in einen Hotelbau versagt. Im Raum steht noch das geplante Hotel/Boardinghaus unter der Regatta-Tribühne. Hier will der Gemeinderat aber erstmal abwarten, was die Stadt München mit der Regatta-Anlage insgesamt vor hat.

Kaum Tourismus in Schleißheim

„Der Einzige, der bei diesem Wettbewerb gewinnt, ist der Kunde,“ sagt Gerhart Maier, Inhaber des Hotels „Zum Blauen Karpfen“ in Oberschleißheim und Vorsitzender des Tourismusvereins: „Die Preise werden sinken – die Qualität aber möglicherweise auch.“ Man müsse bedenken, dass bereits jetzt die durchschnittliche Jahresauslastung der Hotels nur bei plus/minus 65 Prozent liege.

„Dazu kommt, dass wir sogar in Oberschleißheim kaum Übernachtungsgäste aus dem Bereich Tourismus verzeichnen. Wir haben hier überwiegend Tagestouristen.“

Man arbeite hart daran, im Tourismus neue Angebote auf den Markt zu bringen, die besonders auch das traditionell schlechte Wochenende aufwerten, sagt Maier. „Aber wir sind nur ein Verein mit einem Jahresbudget von rund 25 000 Euro. Unsere Mittel sind äußerst begrenzt. Einen Tourismusmanager, der diese Dinge systematisch planen und organisieren würde, können wir uns nicht leisten.“

Die Hotel Allianz Schleißheim arbeitet bereits erfolgreich zusammen, um touristische Angebote gemeinsam zu bewerben: Ein Dauerbrenner sind die Arrangements zu Wochenend-Heimspielen des FC Bayern. Mit einem gemeinsam gemieteten Shuttle-Bus werden die Gäste in die Arena und zurück gebracht. Weitere Angebote sind in Arbeit.

Trotzdem ist auch hier die Besorgnis riesig:

„Die Zinsen sind niedrig, die Investoren stecken ihr Geld in Objekte, auch wenn die erstmal keine große Rendite erbringen,“ sagt Christl Schassberger vom Hotel „Alarun“ in Unterschleißheim. „Aber was bei uns abläuft, ist ein ungesundes Wachstum, das nicht mehr mit der Entwicklung übereinstimmt. Es wird einen knallharten Verdrängungswettbewerb geben.“

„Wir können da nichts machen,“ erklärt Michael Schmitt, Ansprechpartner Wirtschaftsförderung bei der Stadt Unterschleißheim. „Wenn ein Unternehmer in einem dafür vorgesehenen Gewerbegebiet ein Hotel baut und dabei alle Vorgaben des Bebauungsplanes einhält, können wir das nicht verhindern. Das unternehmerische Risiko trägt der Investor. Anders ist die Sachlage, wenn wie letztens in Oberschleißheim, eine Immobilie umgewidmet werden soll. Da hat der Stadtrat dann die Möglichkeit, eine Richtung vorzugeben.“ Von weiteren Bauinteressenten in Unterschleißheim wisse er derzeit nichts, so Schmitt. Aber das könne sich täglich ändern.

„Ein Drittel mehr Zimmer wird der Markt nicht so schnell füllen,“ meint Gerhard Kunstwadl, Inhaber des Hotels „Zum Kurfürst“ in Oberschleißheim. „Die kleinen familiengeführten Betriebe tun gut daran, einander zu helfen, um auf dem Markt überhaupt noch gesehen zu werden.“ Viel notwendiger als neue Hotels sei es, endlich genügend bezahlbare Wohnungen in der Region bereitzustellen, ärgert sich der Hotelier. Davon gebe es nicht annähernd genug.

„Wenn sogar renommierte Häuser wie der Bayerische Hof Sorge haben, ist das für mich ganz klar ein Ausrufezeichen,“ sagt Marcus Haniel von Haimhausen, Inhaber des Brauereigasthauses Lohhof in Unterschleißheim. „Der Markt überheizt. Ob die Wirtschaft sich wie vorhergesagt entwickeln und die vielen neuen Zimmer sich rentieren werden, muss man erstmal sehen.“

Von Haniel sieht die Lösung für die Kleinen vor allem im Erarbeiten von Alleinstellungsmerkmalen. Hotelketten seien weder familiär noch individuell, und genau da liege die Chance. Eine große Gefahr allerdings sei, dass die Kleinen über Dumpingpreise der Großen aus dem Markt gedrängt werden.

Tolle Prognosen für Wirtschaftsregion

Wieso aber wird derart massiv in den Hotelbau in der Region München investiert?

Das liegt an den überaus positiven Zahlen und Studien diverser Institute. Hier ein kleiner Ausschnitt:

München ist Spitze. Die bayerische Landeshauptstadt erwartet bis 2025 das stärkste Wachstum der deutschen Metropolregionen – so sagt es die Studie „München 2025“ von PwC und HWWI voraus, die die hiesige Region mit anderen Metropolregionen Deutschlands verglichen hat.

Keine andere Region in Deutschland verzeichnete in den vergangenen Jahren größere Bevölkerungszuwächse als München und sein Umland. In keiner anderen Region lag die Arbeitslosenquote niedriger. Und in keiner anderen der sechs deutschen Metropolregionen, die für die Studie unter die Lupe genommen wurden, ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf höher als in München.

„Die Zukunft von München liegt in den wissensintensiven Wirtschaftszweigen. Schon heute sind fast 60 Prozent der Industriearbeitsplätze in diesen Branchen angesiedelt, in der Stadt München sind es sogar 77. Damit ist München beim Anteil der forschungsintensiven Industrien der Spitzenreiter unter den Metropolregionen“, hat die Studie ermittelt.

„Die Bevölkerung der Region München ist in den vergangenen 42 Jahren um fast 32 Prozent oder gut 650.000 Menschen, von 2,074 Millionen (Volks­zählung 1970) auf 2,731 am 31.12.2012, gewach­sen. Der Anteil Münchens an der Regionsbevölkerung hat von 62,4 Prozent auf 50,8 Prozent abgenommen, somit erlebte das Umland ein weitaus stärkeres Ein­wohnerwachstum, stellt der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München (PV) fest. Je nach Prognose wird für die Region ein weiteres Einwohner­wachstum in Höhe von etwa zehn bis zwölf Prozent an­genommen. Das entspricht in etwa 300.000 Personen.

Sehr gute Standortfaktoren und ein attraktives Umfeld zum kreativen Arbeiten prägen auch die NordAllianz. Die acht Kommunen Eching, Garching, Hallbergmoos, Ismaning, Neufahrn, Oberschleißheim, Unterföhring und Unterschleißheim bilden den Korridor zwischen Münchener City und dem Flughafen München. Mit rund 135.000 Einwohnern stellen die Gemeinden dieses Raumes zusammen die Bevölkerung einer Großstadt dar. 98 800 Arbeitsplätze gibt es allein hier. Die Bevölkerungszunahme von jährlich ca. 1,5 Prozent liegt an der Spitze Deutschlands.

Die größte Gemeinde der NordAllianz ist Unterschleißheim, der nördlichste Ort im Landkreis München: Rund 30 000 Einwohner und etwa 17 000 Arbeitsplätze machen den Ort zur Boomtown – nur noch übertroffen von Unterföhring mit 11 850 Einwohnern und 20 000 Arbeitsplätzen, sowie Garching: Hier stehen 17 650 Einwohnern rund 18 800 Arbeitsplätze gegenüber. Die Region ist Standort für führende IT-Unternehmen, Automotive, Logistik, Medien und Life Science, der Versicherungsbranche und für Unternehmen der Luftfahrtbranche.