Eine Familie über 60 Jahre im Buchhandel 

Der alte Dramenband von Schiller hat eine sechsstellige Identifikationsnummer auf den Buchrücken geklebt und davor zur schnelleren Auffindbarkeit ein "WK".

 

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Dieses Signet sagt den Buchhändlern, die den antiquarischen Band suchen müssen, dass er in der Wurstkuchl gelagert ist, anders etwa als die Taschenbücher von Thomas Mann mit dem Kürzel "SH", für Schlachthaus. Doch auch wenn die "Bücher am Schloss" ihre Ansiedlung in einer früheren Metzgerei kultivieren: die Familie Hanke als Buchhändler am Schloss hat sich nun schon in der zweiten Generation komplett dem Buch verschrieben.

Beim Spazierengehen hatte Vater Heino Hanke 2004 entdeckt, dass da gegenüber der historischen Wirtschaftsgebäude des Alten Schlosses ein Laden leer steht. Zusammen mit Sohn Ronald mietete er die frühere Metzgerei Kolbeck als Buchlager für einen geplanten online-Handel mit antiquarischen Bänden. "In kurzer Zeit hatten wir so viel Ware, dass wir es schade fanden, diese Bücher nicht auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen", erinnert sich Ronald Hanke (44).

Zusätzlich zu Schlachthaus und Wurstkuchl wurde auch der vormalige Verkaufsraum der Metzgerei reaktiviert und als Buchladen eröffnet. "Rustikal zweckmäßig" umschreibt Hanke den Charakter der "Bücher am Schloss", "es kam uns nicht darauf an, einen Ladenbaupreis zu gewinnen". Die Fliesen der alten Metzgerei wurden mit Bremsenreiniger von Rückständen einer zwischenzeitlichen Pizza-Bäckerei gereinigt, die Schienen zum Transport der Schweinehälften entfernt, ansonsten aber die Haushistorie nicht verleugnet. So firmiert etwa die Lesereihe, die zunächst mit örtlichen Autoren gestartet wurde, unter dem Titel "Literatur in der Wurstkuchl".

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Seit 1979 in Lustheim wohnhaft, waren die Hankes am Ort schon bekannt, dazu unterhielt der "Buchvertrieb Friedel Hanke" an der Sonnenstraße ein Lager, in dem es immer wieder Lagerverkäufe gab, so dass der reguläre Laden zwar nicht geplant, aber schon gut vorbereitet war. "Wir wurden gut aufgenommen", sagt Ronald Hanke.

Fünf Jahre lang organisierte der Laden immer wieder gigantische Bücherbasare mit jeweils rund 20.000 Titeln, die für soziale Zwecke verkauft wurden, die Schulen am Ort ordern bei "Bücher am Schloss", unregelmäßig gibt es Lesungen mit lokalen und populären Autoren.

War der Laden zunächst gar nicht vorgesehen und dann mehr eine Liebhaberei neben dem Versandantiquariat, so haben sich die beiden Standbeine mittlerweile längst bei 50/50 eingependelt und die am stärksten wachsende Nachfrage erlebt Ronald Hanke beim online-Shop des Buchladens. Neben seinem Sortiment hat "Bücher am Schloss" Zugriff auf annähernd eine Million Bücher und CD's, die binnen 24 Stunden liefer- oder abholbar sind. Rund 10.000 Bände vertreibt Hanke antiquarisch online.

Die Vita der Hankes versammelt über 60 Jahre deutschen Verlagsbuchhandels mit Schnittstellen in diverse bekannte Verlage. Heino Hanke (1936-2012) war der einzige unter fünf Brüdern, der den Weltkrieg überlebt hatte. Nach einem kurzen Versuch als Kfz-Mechaniker trat er 1953 in seiner Heimatstadt Leipzig, der Stadt der seinerzeit weltberühmten Buchmesse, eine Lehre als Verlagskaufmann bei "Koehler & Volckmar" an. Mit Ehefrau Friedel, einer Verlagskauffrau, die im Weltkrieg aus Schlesien nach Leipzig gekommen war, floh Hanke 1958 aus der DDR und ließ sich in München nieder.

Vom Bauer-Verlag ging es zum Franz-Schneider-Verlag, der in Hankes Zeit dort zum beliebtesten Kinderbuchverlag deutscher Sprache aufstieg: "Kinder lieben Schneider-Bücher" war der Slogan. 1970 wechselte Hanke die Fronten und ging zum Großkaufhaus Horten als Zentraleinkäufer für Bücher und Schallplatten, die Familie zog nach Düsseldorf. Nach einigen Jahren dort machte sich der Buchhändler in wechselnden Formationen mit Partern und als freier Verlagsvertreter selbständig, unter anderem mit dem 1976 etablierten "Buchvertrieb Friedel Hanke": Der Vater bearbeitete den Vertrieb, die Mutter die Buchhaltung und Organisation.

Über eine weitere Station in Darmstadt zog die mittlerweile vierköpfige Familie 1979 zurück nach Bayern, nach Lustheim. Nach dem Fall der Berliner Mauer zog es den gebürtigen Leipziger sofort in seine Heimat, wo er in flächendeckenden Vortragsreisen für die ehemaligen Volksbuchhändler der ehemaligen DDR den Buchhandel unter freien Marktbedingungen aufbaute. Beim Wiederaufbau der Leipziger Buchmesse wurde er in den Messebeirat berufen. Zur ersten Buchmesse nach dem Beitritt der ehemaligen DDR zur Bundesrepublik sorgte er dafür, dass alle Trambahnen Leipzigs mit Verlagswerbung fuhren - ein Spektakel damals.

Sohn Gerald stieg ebenfalls in den Buchhandel ein, ist heute Verlagsleiter bei der Verlagsgruppe "Random House" unter dem Dach von Bertelsmann, Halbschwester Ariane Tomaschewski arbeitet im Vertrieb der "Ars Edition". Mutter Friedel Hanke hilft weiter bei "Bücher am Schloss" und im Buchvertrieb aus.

Ronald Hanke scherte als einziger zunächst aus der Branche aus. Ausgewachsen in einer Familie, in der das Buch als Leidenschaft, als Freizeitgestaltung und als Geschäftsgrundlage dauerpräsent war, habe er "den Rest vom Tag nicht auch nur Bücher sehen wollen", sagt er heute und wurde Groß- und Außenhandelskaufmann in der Sportatikel- und Textilbranche, absolvierte nebenbei Moderationspraktika beim jungen Privatradio bis hin zur eigenen Sendung.

"Das Interesse am Buch war nie weg", beschreibt Hanke diese Jahre, "aber es war schön, mal ein Buch unbefangen zu lesen". Als der Jeans-Betrieb in Garching in Fusions- und damit Personalabbaupläne geriet, schlug Hanke dann aber doch wieder die Kurve zum Familienmetier: 2000 wechselte er zum Münchner Verlagshaus Goethestraße, das sich unter dem Titel "Ullstein/Heyne/List" zur Gruppe mit 22 Verlagen entwickelte, Hanke war Keyaccounter für die Nebenmärkte wie Bahnhofsbuchhandel, Warenhäuser mit Bücherkisten oder Tankstellen. Als diese Verlagsgruppe unter anderem Hankes Arbeitsplatz nach Berlin verlagerte, stieg der damals 33jährige aus und auf einer Familienreise durch Kanada entstand der Plan des gemeinsamen Versandantiquariats...

"Lesen ist einfach ein menschliches Grundbedürfnis", findet Ronald Hanke. Sozalisiert wurde er vor allem mit den Kinderbuchklassikern wie der "Unendlichen Geschichte" oder den Werken Ottfried Preußlers, heute steht er speziell auf englischsprachige Krimis etwas abseits des Mainstreams. In einer Familie der Buchhändler habe er als Kind "immer Lesestoff zur Verfügung gehabt" und "nie Leseverbote" erhalten, egal wie banal oder kritisch ein Werk auch gewesen sei. Und so hält es der mit Ehefrau Brigitte, der angeheirateten Tochter Timea (19) und Sohn Till (8) in Eching lebende Hanke heute auch wieder: "Es ist egal, was Kinder lesen, Hauptsache, dass sie lesen und dabei ganze Sätze kennenlernen."