NAPOLEON IN SCHLEISSHEIM

Am späten Nachmittag des 22. Mai 1805, einem Mittwoch, ging über Schleißheim ein Unwetter nieder, bei dem die Hagelkörner groß wie Walnüsse gewesen sein sollen.

Feiern in Schleißheim statt Jagden und Gefechte

Alle Gewächse im Hofgarten wurden zerstört, die Baumblüte niedergerissen und im Schloss und umliegenden Anwesen sollen mehr als 100 Fensterscheiben zu Bruch gegangen sein. „Der Boden war vom Hagel winterweiß“, notierte der damalige Inspektor der Gemäldegalerie im Schloss, Mathias Hueber, in sein Tagebuch, „und noch am nächsten Tag konnte man Hände davon aufheben.“

Das Wetterphänomen war quasi der Fanfarenstoß als Ouvertüre für ein Ereignisreiches Jahr für Schleißheim, das ansonsten schon Jahrzehnte als Relikt einstiger Großmachtsträume bedeutungslos dahindämmerte, abgehängt vom Hofleben, weithin vernachlässigt von den Fürsten. Die enge Verbindung zwischen dem Kurfürstentum Bayern und dem französischen Kaiser Napoleon stand in jenen Tagen des Jahres 1805 unmittelbar bevor, auf deren Höhepunkt die Erhebung Bayerns zum Königreich und die Erweiterung der Grenzen des Landes mit teils heute noch gültigen Ausgriffen folgen sollte.

Als Standort von Schlachten, von Aufmärschen und Stellungen, haben in diesen Jahren viele Orte in Bayern den magischen Namen Napoleon in ihre Chroniken aufgenommen; die Bayerische Landesausstellung heuer in Ingolstadt kündet davon. In Schleißheim freilich hat der Empereur nicht gefochten – hier hat er gefeiert. Sowohl bei der Erhebung Bayerns zum Königreich als auch zur dynastisch epochal geplanten Verbindung der Häuser Wittelsbach und
Bonaparte weilte Napoleon in Schleißheim.

„Heute früh um 2 Uhr kam die Nachricht, daß der französische Kaiser Napoleon hierher auf eine Fasanenjagd kommen werde und sich derselbe hier im Schloß das Frühstück nimmt“, notierte der Inspektor Hueber am 2. Januar 1806 in sein Tagebuch. Bayern war bis auf eine kurze Episode unter dem Max Ema -nuel, dem Erbauer des Neuen Schlosses, meist an der Seite der Habsburger Kaiser des Deutschen Reiches. Nun hatte es sich im Herbst 1805 mit Napoleon verbündet und war damit
der wichtigste Alliierte des Korsen in der Konkursmasse des zerbröckelnden mittelalterlichen „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“. Neben üppigem Territorialgewinn brachte Bayern das Bündnis auch die Königskrone. Am 1. Januar 1806 proklamierte Max I. Joseph in der Münchner Residenz seine neue Königswürde; Napoleon, der am 31. Dezember nach Mitternacht in München eingetroffen war, blieb der Zeremonie fern, um den Anschein bayerischer Souveränität zu wahren. Anwesend war er, als am 2. Januar seine Armee Kanonen und Fahnen des bayerischen Militärs aus Wien zurück nach München gebracht hatte. Davor oder danach waren der gesamte bayerische Hofstaat und die Familie des Kaisers bei der Fasanerie im Schleißheimer Holz jagen.

Mahlzeit im Schloss

Die Jagd um Schleißheim, einst eine der zentralen Lustbarkeiten des Hofes an diesem Landsitz, war Anfang des 19. Jahrhunderts kaum mehr en vogue. Der Mode der Zeit entsprechend verlagerten sich die Hofjagden mehr ins Gebirge. Ausschlaggebend für Napoleons Jagdausflüge waren daher vielleicht spezielle Beutewünsche des Kaisers; aber auch die kürzere Distanz zu München könnte eine Rolle gespielt haben. Denn für den 2. Januar ist neben der Rückführung der Armeesymbole noch eine für das Schicksal Württembergs und Badens politisch brisante Audienz überliefert.

Abweichend von der Meldung, mit der die Schleißheimer Bediensteten aus dem Schlaf gejagt worden waren, traf die Jagdgesellschaft erst nachmittags um 14 Uhr im Schloss ein, speiste dort und fuhr gegen 17 Uhr nach München zurück. Mathias Hueber schwärmte: „Alles  was man von Napoleon sagen kann, ist, daß er in seinem äußerlichen Glanz etwas Besonderes den Menschen darbietet, so wie auch seine Frau, die Josephine, ganz liebenswürdig ist. Ich und meine Familie sahen diese großen, mit ewigen Ruhme gekrönten Personen.“

Außer dem Kaiser und seiner Ehefrau waren an der Schleißheimer Tafel weiterhin der Bayerische König Max I. Joseph mit seiner Gattin, der Kronprinz und spätere König Ludwig I., die Kronprinzessin Auguste Amalie, der französische Prinz und Napoleons Schwager Murat sowie viel Hofstaat. Und, besonders bemerkenswert für Inspektor Hueber: „Der berühmte RustanMameluck“, Napoleons Leibdiener seit seinem Ägypten-Feldzug, „war auch hier und der immer bei dem Kaiser ist, sei er, wo er will. Die französische Dienerschaft ist sehr reich mit Gold bortiert, auch 80 Gardisten ritten mit.“

Jene Auguste Amalie war als Teil des Verhandlungspakets zum Bündnis bereits Napoleons Adoptivsohn Eugenè de Beauharnais versprochen. Diese Heirat in eines der traditionsreichsten europäischen Herrscherhäuser gehörte zu Napoleons Mühen, seine aus dem Nichts an den Zenit gelangte Dynastie dauerhaft in der ersten Liga zu etablieren. Am 10. Januar traf de Beauharnais in München ein, am 13./14. fanden die zivile und die kirchliche Trauung statt. Zuvor ritt der Bräutigam mit Adoptivvater Napoleon und Schwiegervater in spe Max I. Joseph am 11. Januar zur Hasenjagd bei der Kalten Herberge, also um das heutige Neuherberg. Ob sie dabei wieder in Schleißheim zur Brotzeit einkehrten, überliefert Hueber nicht.

Das „Politische Journal nebst Anzeige von gelehrten und anderen Sachen“ aus Hamburg berichtete in seiner Ausgabe vom Februar 1806 brühwarm über Napoleons Aufenthalt in München und erwähnt dabei „auch  das Fest auf dem Lustschlosse Schleißheim“. Ob tatsächlich ein Fest gefeiert wurde, das Huebers penibler Buchführung entgangen sein könnte, scheint unwahrscheinlich; eher hat wohl das Hamburger Journal die Jagdgesellschaft zum Fest im Lustschloss hochgeschrieben.

Die Postillie vermittelt aber auch lebhafte Eindrücke von der Wirkung des Besuchs der schier sagenhaften Gestalten aus Paris. So könnten „ueber den Geschmack, die Pracht und die Abwechslung von der Garderobe der Kaiserin von Frankreich die Modenjournale ganze Abhandlungen liefern“. Die den Hof besuchenden Damen müssten sich „an einem Tage oft dreimal umkleiden“. Der Kaiser lebe „mit der Kaiserin auf dem vertraulichsten schönsten Fuß“, fiel aber auch dadurch auf, dass er „auf Bällen und Conzerten viel mit den Fräuleins sprach“. Den Hamburger Lesern vermittelt das Blatt, dass Napoleon „ungeachtet der blassen Gesichtsfarbe immer gut aussah, und ist seit zwei Jahren viel fetter geworden. Man hatte Ihn noch nie  so fröhlich gesehen, wie hier.“

Napoleon

Feinde bis zum Bündniswechsel

Und noch 60 Jahre später be -flügelte Napoleons Besuch in München die Fantasie; so berichtet etwa in der legendär betulichen Zeitschrift „Gartenlaube“1860 eine Emma Niendorf in einem Auszug aus ihren Memoiren, wie sie „ein für den ersten Napoleon prächtig ausgestattes Schlafgemach“besichtigt habe, „in welchem er eine Nacht zubrachte“. Aber der Anekdote nach war das nicht unter dem schweren Baldachin, sondern auf dem Kannapee, weil er Angst gehabt haben soll, der Dachhimmel könne auf ihn stürzen. Allerdings kann sich die Autorin nur noch erinnern, dass dies „in einem der königlichen Schlösser Bayerns“stattgefunden haben soll, „entweder in der Residenz selbst oder zu Schleißheim“.

Vor der schicksalhaften Wende des Jahres 1805 waren die Franzosen schon mehrmals als Feinde in Schleißheim präsent gewesen – und damals beim wackeren Mathias Hueber nur wenig besser gelitten als die Pest. Am 30. August 1796 notierte der Galerie-Inspektor das Stichwort erstmals in sein Tagebuch. Im Fechten der französischen Revolutionstruppen mit dem Deutschen Reich, der als „1. Koalitionskrieg“ in die Schlachtendieser Epoche einging, kampierten französische Truppen bei Garching und ihre Generale Montrichard und Ferino quartierten sich mit ihren Offizieren als Besatzer im Neuen Schloss und im Schloss Lustheim ein. Französische Soldaten sollen dabei die Schäferei Hochmutting geplündert und „die Schwaigbediensteten in den kleinen Häuseln an der Lustheimer Mauer aus den Betten geworfen und ihnen Speis und Trank weggenommen“haben. Auch einen „glänzenden Ball“ sollen die Franzosen im Schloss gehalten haben – währenddessen ihnen aber eine Schar der Reichstruppen Pferde und Kriegskasse gestohlen haben soll...

Nach einer kurzzeitigen Wende des Kriegsgeschehens kamen weitgehend dieselben Franzosen als Gefangene der österreichischen Reichssoldaten durch Schleißheim. Hueber schildert, dass ein französischer Korporal und drei Gefreite aus ihrem Gefangenenlager bei Unterbruck geflohen seien und in das ihnen altbekannte Schleißheim zurückschlichen, wo sie sich als Arbeiter in der kurfürstlichen Landwirtschaft anboten und offenbar auch genommen wurden. Denn einer von ihnen, ein Nicola, hat fünf Jahre später dann die Tochter des Heizers im Alten Schloss geheiratet und nach dessen Tod seine Arbeit übernommen.

1800, die Geschichte zählte mittlerweile den „2. Koalitionskrieg“, kamen die Franzosen wieder. General Montrichard, immer noch im Amt, schaute vom Lager auf der Garchinger Heide wieder im Schloss vorbei. Auch französische Soldaten waren wieder unterwegs, erzählt Hueber, „benahmen sich sehr wüst und versetzten überall die Leut in Angst und Schrecken“.  Beim Lustheimer Gärtner wurde eingebrochen, aber der Gärtner verdrosch den eindringenden Franzosen so heftig, dass der seine Kameraden zur Rache holte. Der Schlossadministrator musste ein ganzes Fass Bier aufwenden, um die französische Horde zu beruhigen. Zwölf weitere Franzosen aus einem Lager bei Feldmoching tranken in einem Schleißheimer Wirtshaus „in drei Stunden 93 Maß Bier“, hat Hueber ganz genau in Erfahrung gebracht, und später auch noch 2½ Maß Branntwein, so dass sie „die Fenster entzwei schlugen und einen Steinkrug zerschmetterten“.

Vor allem musste das in diesem Krieg noch verfeindete Bayern den siegreichen Franzosen enorme Geld- und Sachleistungen abgeben. Ganz einschneidend für Schleißheim: Die Sieger bedienten sich auch bei der Kunst. Kommissar Francois-Marie Neveu erschien am 24. August 1800 bei Hueber, um Bilder aus der berühmten Schleißheimer Gemäldesammlung zu konfiszieren. Auf 65 Werke (nach anderer Quelle 72) malte der Franzose mit Kreide den Beschlagnahmungsvermerk „REP.FCE.“(Republique Francaise). Der zutiefst erschütterte Hueber musste auch noch „mit Trauer und Bestürzung merken, daß er ein
ausgezeichneter Gemäldekenner war“. Der bayerische Galeriedirektor Mannlich hatte noch am Vortrag von einer Beschlagnahmung in Nürnberg aus versucht, „einen Eilbrief nach Schleißheim zu schicken“, wie er in seinen Schriften hinterließ, „damit dort alles versteckt würde“. Dazu kam es offenbar nicht oder nicht mehr rechtzeitig.

Trotz ansatzweise passiven Widerstands der Schleißheimer beugte sich Hueber schließlich der Gewalt und lieferte die Bilder im Hauptquartier der Sieger in München ab. „Auf dem Heimweg wurde ich zweimal ohnmächtig“, steht im Tagebuch, „mußte zuhaus gleich eine Medizin nehmen und mich mehrere Tage legen, so sehr grämte ich mich über den Verlust“. Wieder auf den Beinensorgte Hueber sogleich vor „und versteckte 204 der besten Bilder, die uns verblieben waren“. Während nach der Verbrüderung mit Frankreich die geraubte bayerische Kunst offenbar nicht zur Sprache kam, wurde nach der Niederlage Napoleons gemäß den Bestimmungen des
Wiener Kongresses Raubkunst wieder zurückerstattet – allerdings kamen in Schleißheim nur elf der damals ausgelieferten Gemälde wieder an...

Gefecht bei Schleißheim?

Im Oktober 1805, als die Bayern den Frontwechsel schon voll -zogen hatten, schien es um Schleißheim ein erstes Gefecht zu geben gegen die Österreicher, deren Vorposten bis Neuherberg und Hochmutting aufgestellt waren. Zur Schlacht aber kam es nicht, die Österreicher zogen ab. Hueber hatte vorsorglich schon wieder die wertvollsten Bilder versteckt, damit sie weder Franzosen noch Österreicher einpacken konnten. Das gleiche Bild 1809: Wieder lagen französische und öster -reichische Heere im Raum Schleißheim, wieder packten Huebers Leute die Bilder weg; Heere marschierten entlang der Freisinger Straße, Gefangene zogen durch.

Im September diesen Jahres, nach historischer Datierung im „5. Koalitionskrieg“, wurde das Schloss „Telegrafenstation“. Die Französische Armee arbeitete mit einer Signalübermittlung mittels Flaggen. Auf dem Dach des nördlichen Schlosspavillons wurde ein Holzgestell errichtet, das Signale aus Dachau nach Unterschleißheim oder umgekehrt weitergeben sollte. So sollten binnen eines Tages militärische Informationen von Wien bis Straßburg weitergereicht werden können. Allerdings musste Hueber vermerken, „dass schon am ersten Tag wegen trüber Witterung nicht zu erkennen war, welche Farbe in Dachau aushing und schließlich kam von dort ein Reiter herab, der sagte, man solle das schwarze Tuch zeigen“. Zwei Monate später wurde der „Telegraf“wieder abmontiert.

Der Stern des Korsen begann zu sinken. Bayern wechselte rechtzeitig vor Napoleons Untergang erneut die Fronten und Mathias Hueber wusste nun nichts mehr von der  Bewunderung, die ihn im Angesicht Napoleons an der Schleißheimer Tafel ergriffen hatte. „Alles reisset sich von den französischen Fesseln los“, jubelte er Anfang November 1813 in seinem Tagebuch, als die Kundevon der Völkerschlacht bei Leipzig mit der Niederlage Napoleons wohl bis Schleißheim gekommen war, „und jeder
Deutsche gibt gern sein Blut für die Freiheit hin, um seinem Herrn und nicht einem Tiger, wie Napoleon, gehorsam zu sein.“ 1814, nach der ersten Verbannung  Napoleons, spottete Hueber, der einstige Kaiser sei „von den hohen Mächten zum Herrn von Elba befördert worden“und 1816 hielt er nur noch fest: „Von Ponaparte hört man wenig“.

Quellenrecherche und Mitarbeit: Andreas C. Hofmann und Klaus Bachhuber

Foto: Französische und Bayerische Truppen von Schleißheim her kommend in Anmarsch auf München: Ein Werk von Wilhelm von Kobell aus dem Zyklus von Schlachtengemälden, die er für den französischen Marschall Berthier schuf. (Bild im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen)