Üben für die Bodenhaftung

Das Marionettentheater Bille in Unterschleißheim hat eine Familientradition über zehn Generationen.

Die Qualifikation für die Hauptrolle war erreicht, als der kleine Florian endlich über die Brustlehne greifen konnte. Mit 7 Jahren war das, da durfte Florian Bille die Marionette des Hänsel in „Hänsel und Gretel“ führen. Aufgeregt war er eher nicht, hatte er doch damals schon sein ganzes junges Leben nichts anderes getan als Marionetten gebastelt, repariert, bekleidet, bemalt, aufgebaut, weggeräumt, gespielt und gesprochen. „Das ist mein Leben, seit ich denken kann“, sagt Florian Bille. In zehnter Generation führt der heute 29jährige das „Marionettentheater Bille“, das nach wechselhaften Schicksalsläufen 2012 in Unterschleißheim gelandet ist und Schleißheim damit einen außergewöhnlichen kulturellen Farbtupfer verleiht.

220 Jahre, bis ins Jahr 1794, lässt sich das Marionettentheater der Familie Bille nachweislich zurückverfolgen. Das Jubiläum wird im Herbst mit einem großen Festprogramm gefeiert, in dem neben den Gastspielen anderer Bühnen die eigene Festinszenierung von „Die Entführung aus dem Serail“ im Mittelpunkt steht. Bille ist dabei sein eigener Intendant, Dramaturg, Bühnenbildner, Puppenhersteller, Regisseur und Marionettenspieler. Lediglich die Köpfe der Marionetten werden in Auftrag gearbeitet und für diese außergewöhnliche Inszenierung wurden auch die Gewänder von einer Schneiderin gefertigt – und die Arien kommen vom Band.

Die Puppen zu führen und gleichzeitig auch zu synchronisieren, war einst alternativlos. Mit den permanent verfeinerten Methoden digitalen Playbacks verliert der gesprochene – oder gesungene – Text zwar seinen authentischen Live-Charakter, Bille schwört dennoch drauf. Mit der ausschließlichen Fokussierung auf das Spiel gewinne dies deutlich an Qualität, betont er. „Das perfekte Spiel rüberzubringen“ sei das Ziel; und die Bewegungen, die Emotionen der Figuren prägten sich dem Zuschauer letztlich auch ein, nicht der Text oder die Betonung.

Und das Schwierigste am Marionettenspiel ist ohnehin – die Bodenhaftung. Die große Kunst in der Puppenführung ist es, dass die 70 Zentimeter hohe Marionette immer perfekt am Boden steht, nicht einen Hauch in der Luft schwebt, nicht die Knie durchhängen. Abgesehen vom schlampigen Bild leidet auch die Beweglichkeit der Puppe darunter. Erspürbar sei dies nur durch lange, lange Übung, schildert Bille: „Marionettenspielen lernen ist im Prinzip wie ein Musikinstrument lernen“.

Wlada Bille seufzt. In gerade eineinhalb Jahren hat die Ehefrau des Theatersprosses den Umgang mit Führungskreuz und Fäden so perfekt gelernt, dass Opa Bille vor wartendem Publikum nach der Begrüßung einfach nicht an die Arbeit ging, sondern die junge Novizin ran musste. So wird man in der Marionettenbranche eingeführt…

13 Kinderstücke hat das „Marionettentheater Bille“ im Repertoire, mit dem „Doktor Faust“, der ursprünglichen Puppenversion des „Faust“-Stoffes, lange bevor ein Bühnendrama draus wurde, gerade nur eine Abendvorstellung. Unter Großvater Otto Bille, dem Impresario bis 2009, wurde diese Richtung eingeschlagen, Florian Bille möchte nun den Erwachsenenbereich wieder stärker ausbauen. So landeten auch die Puppen, die Onkel Karl-Heinz Bille, der Leiter des Marionettentheaters Bad Tölz, 1999 für eine mögliche Opernaufführung im Theater Bille gebaut hatte, unbespielt im Lager. Für die „Entführung aus dem Serail“ hat sie Florian Bille nun reaktiviert.

Ohnehin hat er mit einer Tradition gebrochen, als er das Puppen-„Ensemble“ des Großvaters nach dessen Tod 2009 übernahm. In den gut 200 Jahren davor ist zum Tod des jeweiligen Prinzipals eine Kasperlfigur ins Grab gelegt worden – und der Rest der Puppen wurde verbrannt. So gibt es ungeachtet der generationenlagen Tradition der Familie keine wertvollen Altbestände im Fundus. Der älteste Rest aus den Jugendjahren von Otto Bille (1928-2009) ging bei der Flucht der aus Thüringen stammenden Familie 1960 von Ost- nach Westdeutschlands verloren – und wird von den Nachkommen heute immer wieder in Museen entdeckt.

An die 500 Holzpuppen lagern im Fundus von Florian Bille, die er bei seinem Onkel in Bad Tölz deponieren und für jede Aufführung in Unterschleißheim abholen muss. 1985 hatte Otto Bille das einstige Wandertheater in ein festes Haus in München umgewandelt. Nach dessen Luxussanierung musste das Marionettentheater ausziehen und fand im Sehbehinderten- und Blindenzentrum Unterschleißheim seinen neuen Platz. Ein festes Haus wäre zum Jubiläum gleichwohl der große Wunsch des Familienbetriebes; die elfte Generation betritt gerade die Bühne…

Anläßlich des Jubiläum - 220 Jahre Marionettentheater Bille, findet am Samstag, 15. November 2014 um 19:30 Uhr die Premiere zur Mozartoper „Die Entführung aus dem Serail“ statt. (Eintritt: 19,00 EUR Erwachs., 17,00 EUR erm., Kind 12,00 EUR) Außerdem gibt es zum Jubiläum mehrere Veranstaltungen als Gastspiel von anderen Marionettentheatern.

www.marionettentheater-ush.de